Das Kaffee-Denkmal auf der Wiener Wieden
/Der denkmalgeschützte Kaffeegreissler
2015 hat das Bundesdenkmalamt “unseren” Kaffeegreissler unter Denkmalschutz gestellt (Heris ID: 112572). Und das war eine gute Idee - denn so ist sichergestellt, dass dieser wunderbare Kaffeeladen aus den 1950-er Jahren in seiner ursprünglichen Form erhalten bleibt.
Espresso & Kaffeegeschäft
Das Außergewöhnliche an diesem Denkmal-Schutz ist, dass das gesamte Interieur geschützt ist.
Also nicht nur – wie üblich – die äußere Fassade mit Fliesen, Naber-Schriftzug, Auslagen-Form, sondern auch die Einrichtung bestehend aus Holzvertäfelung, handverlegten Glas- und Bodenfliesen, Vollholz-Theke sowie die Kaffeebehälter (“Kaffeeschütten”) und Zierelemente aus Messing. Allesamt sind sie fotodokumentarisch festgehalten.
Der Kaffeegreissler ist dafür konzipiert, zwei Funktionen zu erfüllen:
Einerseits ist es ein Kaffee-Laden zum Erwerb von Bohnen, Maschinen und ESE-Pads. Gleichzeitig dient er auch als
Andererseits ein “Espresso”(1) , also eine Kaffee-Bar. Diese Form der “Espresso-Kultstätten” ist der Erfindung der Espresso-Maschine (Kaffeezubereitung bei ca. 9 Bar Druck) zu verdanken. Diese Art der Lokale war in Wien in den 1950er Jahren die moderne Gegenbewegung zum typischen, „langsamen“ Wiener Kaffeehaus, in dem der Mokka (Zubereitung bei ca. 2Bar-Druck) sowie die Melange “regierten” und man ewig bei Zeitungen und Mehlspeisen saß ;)
(1) So nannte man in den 60ern die modernen, kleinen Kaffee-Bars, wo mit der damals neuesten Technologie - der Espressomaschine - Kaffee gebrüht wurde. Mehr über die Entstehung der Siebträger-Maschine erfährt man in der Geschichte des Espressos.
Die kongeniale Kombination aus Geschäft und Café hat in Wien alleinig die Rösterei Naber umsetzen lassen. Es gab die erste Entwicklung einer “Kaffeekette”: Man hat das Konzept in fünf weiteren Filialen angewandt: Die Nußdorfer Straße war das Hauptgeschäft, heute würde man die als “Flagship-Store” bezeichnen 😉. Weiters in der Lerchenfelder Straße, Schönbrunner Straße, Stumper Gasse sowie in der Wipplingerstraße. Heute ist nur noch unsere Filiale in ihrem originalem Zweck erhalten: Es ist Österreichs ältester erhaltener Coffee-Shop!
Wir - die Schönbergers - finden das enorm beeindruckend und haben uns es zur Aufgabe gemacht, diese denkmalgeschützte Umgebung zu hegen und zu pflegen. Es ist uns eine Ehre, diese Kaffee-Stätte zu “bespielen” und sie damit auch in Schuss zu halten bzw. die durch den täglichen Gebrauch viel genutzte Einrichtung gegebenenfalls auch von Profis reparieren zu lassen. Denn Material-Müdigkeit sowie das eine oder andere Service sind nach so langer Zeit natürlich an der Tagesordnung.
Täglich sind wir dankbar, dass wir in dieser schönen Atmosphäre arbeiten dürfen. Der Kaffeegreissler strahlt eine wunderbare Energie und Wärme aus, die einladet, länger zu bleiben bzw. bald wieder zu kommen. Und das genießen wir!
Architekt Hofman wusste, was er tat – Wiens erster Coffee-Shop (1955)
Friedrich und GEorg Naber, Gründer Kaffeerösterei
Die Rösterei Naber wurde 1908 gegründet. Der findige Spross des Gründers Georg Naber - Friedrich Naber - betraute nach seiner Geschäftsübernahme um 1950 den Nachkriegsarchitekten Ernst Otto Hofmann mit der Konzeption eines innovativen Laden-Filialen-Konzepts, das Kaffee in den Vordergrund stellen sollte.
Beim Betreten des Geschäfts erkennt man sofort: Architekt Hofmann hat sein Handwerk verstanden. Er schuf ein einladendes Flair aus Holz und Messing, das erlaubt, die Stehkaffee-Bar mit dem Greissler-Konzept zu verbinden. Besser hätte man diese Idee nicht umsetzen können. Der Entwurf des talentierten Architekten entpuppt sich als Meisterleistung mit beeindruckendem Interieur:
Der Adolf-Loos-Einfluss der schräg angesetzten Auslage:
Die Fensterscheiben laden mit ihrem nach innen gezogenen, leichten Winkel ein, einzutreten – ja sie ziehen das interessierte Publikum förmlich hinein.Eine große, geschwungene Theke aus europäischer Nuss wirkt gemütlich und elegant. Die gebogenen integrierten Vitrinenglas-Elemente sind das Original-Handwerk aus 1955.
Die handgefertigten sowie einzeln handverlegten Glas-Mosaiksteine (Fliesen) in Pastell-Gelb. Heute kann kaum noch ein versierter Fliesenleger diese aufwändige Arbeit produktionstechnisch nachvollziehen oder gar wirtschaftlich leistbar umsetzen.
Die Spiegelwand, die alles größer wirken lässt und Details in Szene setzt.
Die beeindruckenden Kaffee-Behälter – sogenannte „Kaffee-Schütten“ aus Messing, die der Entnahme frisch gerösteter Kaffeebohnen dienten.
Einen expliziten Platz für die Espresso-Maschine, der diese in Szene setzt -> so wie man es heute aus modernen 3rd-wave-Coffee-Läden kennt.
Der originale Stehtisch von 1955 mit seinen abgerundeten Ecken, feinen Holzleisten und eingelassener Lack-Linoleum-Oberfläche ist ebenfalls denkmalgeschützt.
Die Uhr sowie viele kleine Messing-Elemente und Details im Stil der 50er Jahre verleihen zugleich Eleganz und Wärme.
Schließlich der ebenfalls in den 50er Jahren eigens für die Rösterei NABER kreierte 3D-Schriftzug.
Summa summarum: ein designtechnisches Gesamtkunstwerk 😉
Tag des Denkmals - jährlich im September
Das Bundesdenkmalamt hat für die denkmalgeschützten Schätze eine Art Feiertag ins Leben gerufen: Jährlich am letzten Sonntag des Septembers wird der “Tag des Denkmals” gefeiert. Es ist eine wahrlich würdige Erfindung.
Denn an diesem Tag öffnen sich oft auch Pforten von denkmalgeschützten Orten, die sonst geschlossen bleiben. Wirklich toll, was Österreich da alles zu bieten hat und wie viele Menschen sich dafür einsetzen, dass diese kleinen Wunder auch erhalten bleiben.
Zum Tag des Denkmals 2019 hatte ein Architekturstudentinnen-Trio der TU Wien eine tolle Idee: Sie veranstalteten im Rahmen eines Seminars "Führungen" direkt bei uns im Kaffeegreissler und erzählten interessante Details über die Wieden, den Architekten Ernst Otto Hofmann sowie “unsere” Inneneinrichtung: Für teilnehmende Kinder bzw. rätselaffine Erwachsene ließen sie sich ein ganz besonderes Gusto-Stückerl einfallen: ein “Finde-den-Fehler” Suchbild:
Wer die Auflösung haben möchte: schreibt uns gerne per E-Mail: ciao@schoenbergers.at bzw. schaut bei uns im Café Schönbergers vorbei ;)
Euer Patrick Schönberger, Euer Kaffeegreissler
